Montag, 13. Oktober 2008

The Panther and the Lion

Dopes Tagebuch,

ich ging im Walde so vor mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Doch kurz bevor der Aru sich auf den Weg ins 3001 macht um Klaus Kinski die Ehre zu erweisen blinkt die couchsurfing message box.
Selma, eine sudanesische Schwedin aus Malmö, sucht für sich and her friend Rachid in einer als urgent titulierten mail eine Bleibe.

Hello thy grace! My name is Selma and me and my friend
Rachid is in a bit of a pickle as we are in Hamburg
without a place to stay. that was a bit unexpected so
we didn't have time to search couches earlier, but now
here we are and so are you so if you could host us
tonight that would really save us from alot of mental
exhaustion

Daß in a pickle sein, unexpected things tun und keinen Plan haben durchaus Methode haben, sollte der Aru in den nächsten Tagen zuhauf erfahren. Vorsichtshalber wird nachgeschaut, ob Rachid nicht vielleicht auch ein Mädchenname sein könnte, dann aber doch das o.k. gegeben und mit dem Hinweis auf momentane Unpäßlichkeit der Treff auf 91 Minuten später verschoben.

Jesus christ you really are a divine grace! we are just
by that station, sternchanze or whatever. we will go
now!


Beim beherzten Gang aus der U-Bahnstation fällt dem Aru ein ungleiches Pärchen exotischer Ausstrahlung in den Augenwinkel.

"Are you Selma?"

"Yes, I am."

"Do you know Klaus Kinski?"

Menschen starren vor Verlegenheit auf ihre Bongotrommeln.

"Does it cost money?"

"See you in two hours."

First things first und so müssen verplante Surfer, die den Gang ins 3001 nicht antreten wollten, sich in der Prioritätenliste brav hinter Aguirre anstellen und ihre Zeit wartend und händchenhaltend im Hamburger Szeneviertel verbringen.

Nach dem Abspann dann der gemeinsame Gang über den Steindamm. Zwei crack bitchez schlagen einem Penner das Bier aus der Hand. Unser Surferpärchen hält Händchen. Und lächelt.


Zu Hause wird sich nicht lange mit Vorreden aufgehalten: "I think that all people are crazy."
Selma entdeckt eine frisch aus den Bücherhallen versetzte DVD mit dem Titel "Der Untergang" und wird nicht müde zu betonen, daß dies ein großer Film sein muß. Ich stimme selbstredend zu und verweise auf verbotene Quellen der Eskheit aus vergangenen Tagen. "Forbidden? If you forbid something you are also a nazi."

Weisheiten dieser Art muß sich der Aru auf unbestimmte Zeit ("Can we stay here forever?") anhören. Zum morgendlichen Frühstück werde ich nach oates gefragt und muß mich als bekennender Fleischfresser outen. Barfuß geht es also über den Steindamm um in Türkenläden nach Haferflocken zu fragen und letztlich im LIDL (Loving Independence During Livetime) die Weltverbesserungsfantasien auszuleben. Allein die Vorstellung versüßt dem Aru das anschließende Körnerfrühstück um ein Vielfaches.

Die sich an das Morgendmahl anschließenden 5 Tage sollten durchaus als mehr als esk zu bezeichnen sein und Reminiszenzen an den im Hanffeld verschollenen Nino (Rest In Piece) bieten. Verkiffte Lebensbilder meet paranoide Verschwörungstheorien und infantile Provokationen.

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Während der Okkupation verwandelt sich der Steindamm in ein Trommellager, das seine Wirkung im Drogen- und Nuttenviertel nicht verfehlt. Angelockt von dumpfen Klängen, die doch wohl Kunst sein müssen, startet eine einwandgeile Casting-Milf Konversationsversuche via Fensterscheiben. Gerade rechtzeitig eilt der Aru herbei um dem revolutionären Kunsttrommler zu erklären, daß es sich nicht um genervte Nachbarinnen handelt, die die Kochschürze als weiße Fahne hissen und das Ende der Drumhandlungen verlangen, sondern scheinbar erste Fans respektive Groupies gewonnen wurden. Man trifft sich in der Eingangstür um Schmeicheleien über sich ergehen zu lassen. Die Casting-Milf heißt Roschi, sucht verzweifelt echte Künstler für nicht näher erläuterte Events und schleudert ihre Phone Number durch die Gegend. Unser Full Time Trommler zeigt sich wenig berührt und erklärt er habe schon eine Band mit seiner Freundin. Ich frage erstaunt, was seine Freundin denn in der Band macht und er erklärt: "She sings while I play the bongos." Der Aru denkt, was er in solchen Momenten immer denkt und läßt den großen Zeh kreisen. Die Milf drängt auf Auftritte auf großen Bühnen, down to earth artist Rachid erklärt, er wohne aber gar nicht in Hamburg und zeigt so viel Interesse an den Milf-Plänen wie ihm die englische Sprache eben erlaubt. Roschi versucht das Schlüpfrige handfest zu machen und fragt, wann er denn das nächste Mal in Hamburg sei; des Arus Gehirn kann nicht anders als erläutern, dass er selbst das von allen Menschen auf der Nordhalbkugel wahrscheinlich am wenigsten wisse.

Während der obligatorischen Hamburg Tour stellt sich der EDEKA am Eppendorfer Marktplatz als die Attraktion heraus. Ritter Sport Schokolade verzaubert die Sudanesin und läßt Diskussionen über Arbeitsbedingungen und Weltwirtschaft ein paar Schmatzer lang verstummen. Glückselig wird dem Aru erklärt, daß vor allem die quadratische Pfefferminzschokolade es der kleinen Rebellin angetan hat. Der Aru versteht die Zeichen der Zeit und verweist auf Künstlerisches in schmalen Flaschen.


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Des Arus Arbeitszeit verbringen die beiden Cineasten mit dem für sie wohl passendsten Schatz aus der spektralen Tape-Kiste. Barry Lyndon sorgt möglicherweise für so etwas wie Verwunderung, Erstaunen oder auch nur Langeweile und Stanley Kubrick erfährt im Grabe die Gewissheit warum er diesen Film überhaupt gedreht hat. Der Aru zieht zielsicher ein zweites Tape und überreicht mit Empfehlung des Hausherrn die Masters of Russian Animation. "What is this? Oh, I read Russian Annihilation..."
Ich spreche Selma aus einer Mischung aus Interesse und Mangel an alternativen Gesprächsthemen auf ihre Band an. "It's me and Rachid. We are a real band. We also have a name." Jetzt will der Aru es genau wissen und erhält die Antwort, die ihn bis an sein Lebensende verfolgen wird und die Pointe dieses Posts vorwegnimmt: "The Panther and The Lion."
Das Warten auf die Ankunft des Herrn Kowski wird mit Plattendiggen zugebracht, man findet, was man finden wollte. Die ersten beiden Weltenbummler, die diesen Namen zurecht tragen, machen sich's derweil auf des Arus Matratze gemütlich und hinterlassen als Erinnerung ihre Fußspuren an der weißen Wand.

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Am nächsten Morgen anvanciert das Gästezimmer zur Bastelstube, Vorbereitungen für die kurzentschlossene Abreise werden getroffen. Der Aru verabschiedet seine beiden Kuckuckseier und schiebt sie Doctor Werner Lambert unter die Fittiche. Dafür an dieser Stelle noch mal Entschuldigung.


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